Die Voltigierabteilung des Reitervereins Harsefeld u.U.e.V. 

von Reiner Klintworth, Helmste

Bereits 1921 gründeten begeisterte Pferdebesitzer den Harsefelder Reiterverein e.V. Um sich als Sportler mit Gleichgesinnten zu messen, wurden schon früh Reitturniere organisiert. Die Schwerpunkte lagen beim Jagdspringen, Flachrennen, Trabfahren, aber auch besondere Vorführungen rund um das Pferd waren beliebte Einlagen auf einem Turnier. Nach dem 2.Weltkrieg wurde am 1.Dezember 1946 im Hotel Brüggmann der Reiterverein als Reitverein Harsefeld u. Umgegend e.V. mit Sitz in Harsefeld neu gegründet.

 

Zu dem jährlichen Turnier des Reitvereins Harsefeld wurde für ein Schaubild stets eine Voltigiergruppe aus dem Umkreis eingeladen, bis dann auf der Jahreshauptversammlung am 3.12.1963 der Wunsch zur Aufstellung einer vereinseigenen Voltigiergruppe geäußert wurde. Dieser Wunsch ließ sich jedoch kurzfristig nicht umsetzen. Einige Jugendliche aus Harsefeld und Umgebung hatten aber Spaß am Voltigieren und in Ermangelung einer Reithalle übten sie in einer Wettkampfgruppe unter der Leitung von Georg Marzog und dem Rappen „Dux“ beim Reitverein in Kutenholz.

 

Nach dem Bau einer Reithalle auf dem Hof von Hans Stelling in Helmste ( 1970 ) holte Günther Poppe aus Ruschwedel die Jugendlichen zurück und gründete mit großer Unterstützung des Vorstandes die Voltigierabteilung des Reitvereins Harsefeld. Das erste Voltigierpferd war „Marco“, ein geduldiger Schimmelwallach. „Marco“ fand nun in einer Box der Helmster Halle eine neue Heimat. Er absolvierte viele Jahre bis ins hohe Alter treu seinen Dienst als Voltigierpferd.

 

Günther Poppe, der selbst schon seit 1948 in Jork unter Reitlehrer Eggers voltigierte, hatte immer schon großes Interesse und viel Lust an Akrobatik auf dem Pferd und wollte nun als Ausbilder und Longenführer mit den Jugendlichen zusammenarbeiten. Gemeinsam mit den  Voltigierern belegte er Fortbildungslehrgänge in Hohenhameln und Warendorf und fuhr bereits zu den Turnieren. Schon  beim ersten Turnier in Zeven wurde ein 3. Platz belegt, dies berechtigte zur Teilnahme an der Bezirksmeisterschaft in Sandbostel (siehe Foto). Die Turniergruppe fuhr ebenfalls zu den Landesmeisterschaften nach Schwanewede. Hier wurde nun Lehrgeld bezahlt - man erreichte leider nur den letzten Platz. Günther Poppe schmunzelnd: „Als Lohn und Dankeschön bekam der Longenführer ein Bier und einen Köm und die Kinder jeweils eine Tafel Schokolade“.

 

 

 

Wettkampfgruppe 1971

 

 

Auf Grund dieser Erfolge erhielt nun die Voltigierabteilung des Harsefelder Reitvereins regen Zulauf und innerhalb kürzester Zeit hatte Günther Poppe ca. 110 Kinder in 8 Gruppen zu betreuen. Dies erforderte natürlich in Helmste ein genaues Abstimmen der Übungseinheiten, denn man hatte zunächst ja nur ein Pferd zur Verfügung. 1972 kam dann mit dem Schimmelpony „Patron“ die langersehnte Unterstützung und die Lage entspannte sich.

Das Voltigieren selbst stammt ursprünglich aus dem Militärsport (Kavallerie). Ziel war es, Gleichgewicht, Beweglichkeit, Kraft und Ausdauer zu schulen. 1920 war Voltigieren unter der Bezeichnung „Kunstreiten“ in Antwerpen sogar schon einmal olympische Disziplin. Heute ist es ein anspruchsvoller Leistungssport mit körperlicher Höchstleistung. Hier wird die Motorik des Körpers weiter entwickelt, die Beziehung zu einem Tier aufgebaut, Mut, Vertrauen, Teamverhalten und Kreativität gefordert, gleichzeitig wird mit eiserner Disziplin Geschmeidigkeit und Eleganz erarbeitet. Ein Spruch von Günther Poppe aus den 70 ern: „Gefällig sollt ihr aussehen“.

 

Einige Mitglieder dieser Voltigiergruppe aus den 70 er Jahren wurden 2009 zum 100 -jährigen Jubiläum des Kreisreiterverbandes Stade  reaktiviert und zeigten noch einmal auf dem Turnierplatz in Bargstedt die Übungen von damals. Wenn auch die Knochen und Gelenke hier und da ein wenig knirschten, es klappte, denn gelernt ist gelernt.

 

Große Unterstützung der Kinder, um diesen Sport auch regelmäßig betreiben zu können, erfolgte immer wieder durch die Eltern. Sie waren stets stark gefordert durch die wöchentlichen Fahrten und manche Mutter stöhnte: „Einen Sack Flöhe hüten ist einfacher.“

Nach ca. 4 Jahren erfolgreicher Arbeit stellte Günther Poppe sein Amt 1974 zur Verfügung, da es beruflich und zeitlich ihm nicht mehr möglich war, die Voltigierabteilung weiter zu leiten. Er übergab sein Amt an Friedrich ( Friedel ) Meyer aus Harsefeld, etwas später kam als 2.Ausbilder Manfred Gärtner hinzu, der diese verantwortungsvolle Aufgabe 25 Jahre lang ausführte.

 

Nachdem 1976 erst „Marco“ und später auch„Patron“ nicht mehr zum Voltigieren zur Verfügung standen, wurde mit „Maja“, eine dänische Rappstute, ein Ersatz gefunden. Als 2. Pferd für die Anfängergruppen wurde dann Anfang 1977 die braune Reitponystute „Fanny“ für die Voltigierabteilung gekauft und der Voltigierbetrieb lief reibungslos, bis eines Tages zur Überraschung aller in der Box von „Maja“ plötzlich ein Fohlen lag, niemand hatte bemerkt, dass die Rappstute trächtig war. Nun musste das neue Pferd „Fanny“ für alle Gruppen laufen, bis die junge Mutter „Maja“ wieder für die Gruppen zur Verfügung stand.

Nach 5 Jahren erfolgreicher Arbeit mit den Jugendlichen schied Friedrich Meyer 1979 als Voltigierwart aus, sein Nachfolger wurde Kurt Führer. Mit Manfred Gärtner zusammen führte er in den kommenden Jahren viele Jugendliche an den Reitsport heran und sie besuchten viele Turniere erfolgreich. 1980 war es endlich soweit, Klaus Heins baute in Harsefeld eine Reithalle. Nun zog die Voltigierabteilung von Helmste nach Harsefeld.

 

Da „Maja“ auf den anspruchsvolleren Turnieren nicht immer als zuverlässig galt, wurde sie 1984 nach Kutenholz verkauft. Hier diente sie noch viele Jahre treu als Voltigierpferd. Während für die jungen Einsteiger treu und brav „Fanny“ ihre Dienste tat, konnte mit „Fabian“ ein guter Ersatz für „Maja“ gefunden werden. Mit „Fabian“ , einem Hannoveraner Schimmelwallach, hatten die Harsefelder ein Glückslos gezogen. Schon mit seiner Größe imponierte dieses Pferd. Für die Turnierkinder zog dieses Tier treu und brav seine Runden und galt als äußerst diszipliniert und ruhig. Dieses Pferd war so vielseitig, dass Silke Gärtner alle Prüfungen zur Reitlehrerin auf ihm ablegen konnte.

 

 

 

Opa Gärtner Horneburg

 

 

Mit diesem Pferd und der guten Ausbildung stellten sich dann schnell erste Erfolge im Turniersport ein. Die erste Turniergruppe stieg von Klasse C nach B auf und war damit in der zweithöchsten Klasse.

 

Nach über 10 Jahren Tätigkeit als Voltigierwart schied Kurt Führer Ende 1990 aus. Zu seiner Nachfolgerin wurde die Enkelin von Manfred Gärtner, Silke Gärtner, gewählt. Silke,  die 1987 die Leitung der Turniergruppe übernahm, hatte bereits 1989 die Prüfung zum Voltigierwart abgelegt. In den folgenden Jahren gab es viele Turniererfolge und die ganze Abteilung stellte regelmäßig die Schaubilder auf dem eigenen Großen Turnier in Bargstedt. Von 1992 – 1995 wurden eigene Voltigierturniere in Harsefeld durchgeführt. Sehr stolz ist der Verein auf die Jahre 1993/ 1994. In der Voltigierabteilung wurden Leistungsabzeichen erworben ( 28 x Kleines Hufeisen, 8 x Voltigierabzeichen in Bronze und 2x Voltigierabzeichen in Silber). Nach den Turniererfolgen bestand die Möglichkeit zur Teilnahme an den Landesmeisterschaften. Die Harsefelder Voltigierer galten als eine der besten Gruppen im Bezirk Stade. Nachdem Kurt Führer bereits von 1991 bis 1994 als Voltigierwart des Kreisreiterverbandes Stade den Harsefelder Reitverein als Funktionär vertrat, wurde Silke Gärtner 1995 seine Nachfolgerin. Silke hatte dieses Amt bis 2005 inne.

 

 

 

   

 

 

 

 

 

Plötzlich verstarb 1994 „Fabian“ nach einer schweren Krankheit. Durch diesen herben Verlust, (noch heute wird „Fabian“ als das beste Voltigierpferd, das der Verein je hatte, bezeichnet,) hatten Manfred Gärtner, Silke Gärtner und Tina Klintworth, die mittlerweile als 3. Ausbilder tätig war, alle Mühe die Kinder weiter bei der Stange zu halten. Wieder musste „Fanny“ für alle Kinder da sein.

 

Im Januar 1995 erwarb der Verein die Hannoveraner Schimmelstute „Grisabella“ und der Voltigierbetrieb konnte wieder in normalen Bahnen laufen. 1996 auf der Jahreshauptversammlung des Vereins wurde Manfred Gärtner vom Vorstand für seine 25 jährige Mitarbeit im Vorstand und als Voltigierlehrer mit einem Zinnteller geehrt und gleichzeitig zum Ehrenmitglied des Vereins ernannt.

 

Nachdem die Reithalle von Klaus Heins verkauft wurde, sucht die Voltigierabteilung wieder eine neue Heimat und zieht am 1.6.1997 nach Helmste auf den Reiterhof des 1. Vorsitzenden Harry Klintworth und fühlt sich seit dem in der neu erbauten Reithalle sichtlich wohl.

 

Da Silke Gärtner in Lüneburg studiert und nur zeitweise zur Verfügung steht und die jungen Ausbilder (Tina Klintworth, Kathi Klintworth) nicht den Weg nach Helmste wahrnehmen können, übernehmen Britte Dankers aus Kammerbusch und Kirsten Uthenwoldt aus Hedendorf den Voltigierunterricht, gleichzeitig wird Gabi Klintworth aus Helmste mit „Fanny“ neu eingearbeitet.

 

Manfred Gärtner bittet den Vorstand um die Suche nach einem Nachfolger, da er sich aus Altersgründen zurückziehen möchte. Im Mai 1998 verstirbt plötzlich Manfred Gärtner, von den Kindern auch liebevoll „Opa Gärtner“ genannt. Vielen Jugendlichen und Kindern hat er das Voltigieren mit unermüdlicher Ausdauer und Ruhe beigebracht und ist mit den Wettkampfgruppen zu den Turnieren gefahren. Silke Gärtner übernimmt kommissarisch das Amt ihres Großvaters. Im Sommer 1998 bekommt der Verein ein neues Voltigierpony, den Haflinger „Hermann“, da „Fanny“ aus Altersgründen (26 Jahre alt) in den Ruhestand geht. Am 6.12.1998 wird „Fanny“ nach 22 Jahren Voltigierunterricht feierlich auf dem Helmster Weihnachtsmarkt mit einem großen Sack Möhren in den Ruhestand verabschiedet.

Nachdem Silke Gärtner ihre Ausbildung in Lüneburg beendet hatte, übernahm sie wieder die Gruppen von Britte Dankers, während Gabi Klintworth auf „Hermann“ weiter Basisarbeit verrichtete und immer wieder neue Kinder an den Voltigiersport heranführt. Mit Katharina Alpers-Jahnke stand nun eine dritte Ausbilderin zur Verfügung. Da „Grisabella“ eine schwere Verletzung hatte, musste ein drittes Voltigierpferd angeschafft werden, um die Voltigierausbildung zu gewährleisten.

 

„Gismo“ , ein Hannoveraner Fuchswallach schien der perfekte Nachfolger von „Fabian“ zu werden. Das neue Voltigierpferd fügte sich schnell ein und schon 2001 stellten sich erste Erfolge auf den Turnieren ein. Gleichzeitig wurde am Neuaufbau von 2 Turniergruppen konsequent weitergearbeitet. Die erste Turniergruppe schaffte nach dem Gewinn der Bezirksmeisterschaft 2001 in Stade und hohen Ergebnissen den Aufstieg in die B-Klasse.

 

 

 

Frederike auf Gismo

 

 

                                                         

Die Bezirksmeisterschaft 2002 fand auf der Reitanlage in Harsefeld-Weißenfelde statt. Harsefeld 1 mit „Gismo“ und Longenführerin Silke Gärtner erreichten mit der Note von 5,72 wieder den Bezirksmeistertitel.

 

 

 

 

Haflinger Hermann mit den Kleinen auf dem Turnier in Bargstedt 2009

 

 

 

2002 wurde Silke Gärtner 2.Vorsitzende des Reitvereins und Gabi Klintworth übernahm die Voltigierabteilung als Voltigierwart. Da Katharina Alpers-Jahnke ab Okt. 2003 auf Grund Ihres Studiums nicht mehr zur Verfügung stand und um den Fortbestand der Abteilung zu sichern, wurde Heike Gaden aus Helmste als weitere Ausbilderin eingearbeitet. Nun konnte sich Gabi Klintworth weiterhin verstärkt um die kleinen Voltigiereinsteiger kümmern.

Leider wurde „Gismo“  im Herbst 2002 sehr krank und verstarb.  Da „Grisabella“ aber auf Turnieren nicht immer verlässlich war, musste für die Turniergruppen ein neues Pferd gesucht werden. Es wurden nun mit „Moritz“, „Doktor D“ und „Cortez“ mehrere Voltigierpferde getestet. Aber erst im Herbst 2008 wurde man fündig und fand in „Gaylord“, einem braunen Wallach, einen würdigen Nachfolger. „Gaylord“ ist ein Halbbruder von „Gismo“ mit etwa den gleichen Eigenschaften.

 

Auf der Hauptversammlung 2005 übergab Gabi Klintworth ihre Funktion als Voltigierwart an Heike Gaden, gleichzeitig wurde das Trainerteam mit Kathrin Rodewald ergänzt.

Anfang 2009 bekam die Voltigierabteilung einen, vom ehemaligen Weltmeister Christof Lensing entwickelten, neuen modernen Wettkampfgurt. Heike Gaden, die die Voltigierabteilung seit 2005 leitet, hofft, dass nun die Voltigierer wieder auf dem richtigen Weg sind, um an alte Erfolge anzuknüpfen.

 

Heute, im Jahr 2009, präsentiert sich die Voltigierabteilung des Reitvereins Harsefeld mit zwei Pferden, vier Ausbildern und ca. siebzig Kindern. Es werden vereinsinterne Voltigierturniere durchgeführt. Sehr beliebt bei den Jugendlichen ist die alljährliche Teilnahme an das vom Kreisreiterverband Stade durchgeführte Volticamp. Damit bildet die Voltigierabteilung den reiterlichen Unterbau für einen gut geführten Reitverein.

 

Quellen:   -- Günther Poppe, Martin Klintworth, Carola Bady, Silke Gärtner, Gabi Klintworth,

                        Heike Gaden                 

                   -- Protokollbücher  Reitverein Harsefeld

 

 

 

Reiterverein Harsefeld u. U. e. V.  | .